Anne Provoost |
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Version 01, 14 Aug, 2002 |
Zusammen mit ihren Eltern zieht Re Jana aus ihrer Heimat, den Sümpfen,
in die Steinwüste, wo der Alttestamentarische das Großreinemachen
unter seinen Geschöpfen angeht. Noah stellt den Vater als kundigen Schiffsbauer
in den Dienst des Projekts. Re Janas Begabung, Wasserquellen aufzuspüren,
stößt im Staubtrockenen auf große Nachfrage. Sie wird die Geliebte
von Ham, Noahs Jüngstem, dem bereits eine andere Frau bestimmt ist.
Während die Arche Form gewinnt, gären Zweifel unter den Arbeitern.
Unvermeidbar, dass man argwöhnt, wer an Bord darf, wie die Gunst des Bauherrn
zu erwerben sei. Da Unzählige rekrutiert wurden zur Fertigung eines schwimmenden
Sarges, dessen Tote ironischerweise außerhalb seiner Wände gefangen
sein werden. Denn wie das Pech die Fluten, weist Noah als personifizierter Wille
des "Unnennbaren" ihre Leiber ab. Das Buch Provoosts, im Gegensatz
zur Genesis, stellt infrage. Es legt dabei den Finger in Wunden, die bis heute
klaffen: Konflikte zwischen Kulturen, das Toxische ideologischer Blendung etc.
Ham gibt sich alle Mühe, Re Jana zu retten, doch der Hader mit den gottverordneten
Windmühlen zermürbt ihn. "Sein Gott verstört ihn. Er will
nicht akzeptieren, dass das Schiff, das er gebaut hat, für seine Traume
zu klein ist." Ham taugt nicht als Rebell.
Es sind zuvorderst Frauen, die - zumindest diese - Geschichte schreiben; Re
Janas erlahmte Mutter z.B., allein mit einem Auge noch kommunizierend, wird
inmitten des Tohuwabohus zur willensstarken, generösen Märtyrerin.
Aller Skepsis und düsterer Ahnungen ungeachtet kämpft die Ich-Erzählerin
selbst für ihre Liebe, ihre Familie, den Jungen Put, der ihr trotz seiner
Schwächen wie ein Bruder ans Herz wächst.
Die Apokalypse fordert erste Opfer, noch bevor sich die Schleusen öffnen.
Der heimliche Protagonist des Romans, das Wasser, entfaltet seine kathartische
Macht im Guten wie im Bösen; den sorgsamen Waschungen, mit denen Re Jana
Wohlbefinden und Linderung besorgt, stehen Auslöschung und Tod gegenüber.
Provoost besticht mit einer Symphonie von hochkarätigen Bildern und einer
Sprachgewalt, die als poetisch schimmernde Gaze über der Erzahlung liegt.
Aus der Mottenkiste Bibel mit ihren veräußerlichten Komparsen zaubert
sie ein Ensemble lebendiger Empfindsamer hervor. "Flutzeit" bestätigt
die Autorin einmal mehr als herausragende Virtuosin narrativer Inszenierung.
Simone Giesen, erschienen in Eselsohr 05/2003