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Replik Anne Provoost zu Gundel Mattenklotts Rezension ihres Buches Flutzeit Gundel Mattenklott behauptet in der Frankfurter Allgemeinen vom 2. August, dass mein Roman Flutzeit rassistische und antisemitische Darstellungen enthält. In dem Roman äußert sich ein junges Mädchen geringschätzig über eine Gruppe Nomaden, die in der Wüste ein Schiff baut. Die Handlung des Romans spielt zur Zeit Noahs. Wer die biblische Geschichte kennt, weiß, wie weit dies vor unserer Zeit liegt. Das Töten eines Menschen ist noch nicht strafbar, der Überlieferung zufolge herrschen Bosheit und Schlechtigkeit. Von einem jüdischen Volk oder Semiten ist noch keine Rede, und ebenso wenig von Christen oder Moslems. Das jüdische Volk entwickelt sich Hunderte von Jahren später, nach Abraham, und die Semiten sind nach Sem benannt, dem Sohn Noahs, der zur Zeit der Erzählung seine Nachkommenschaft noch gründen muss. Wie kann man behaupten, dass die Beschreibungen eines Volksstammes in einem Roman antisemitisch sind, wenn historisch deutlich ist, dass im Augenblick der erzählten Zeit so etwas wie ein semitisches Volk noch gar nicht bestand? Flutzeit handelt von einer jungen Frau, die sich voller Vorurteile zu einem anderen Volk begibt. Allmählich lernt sie Individuen des Nomadenvolkes kennen und beginnt, sie zu schätzen, so sehr, dass sie sich in einen von ihnen verliebt und sein Kind gebiert. Ihre Haut ist dunkel. In der Bibel steht, dass die Nachkomenschaft Hams über Afrika ausschwärmt. Die Wahl ihrer Hautfarbe entstand bei mir aus der Frage: Wo waren die Menschen mit einer dunklen Haut auf Noahs Arche? Wer der Logik der biblischen Chronologie folgt, muss davon ausgehen, dass alle Völker von Noah abstammen, nicht nur die Semiten. Flutzeit ist ein Versuch, eine literarische Antwort auf die vielen Widersprüche zu finden, die diese Logik mit sich bringt. Das Buch ist - wie die meisten historischen Romane - ein
Gedankenexperiment. Als Autorin habe ich mich in jemanden hineinversetzt,
der vor mehreren Jahrtausenden im Zweistromland lebte. Dabei ging es mir
um historische Genauigkeit und Wahrhaftigkeit. Politisch korrekte Reflektionen,
wie wir sie im 21. Jahrhundert kennen, hätten meine Protagonistin
zu einer anachronistischen, unglaubwürdigen Erscheinung gemacht. Gundel Mattenklott zwingt Flutzeit zweimal in eine Rolle, die das Buch nicht anstrebt: einmal in die des "Jugend"buchs, in dem der pädagogische Aspekt eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie der literarische und in dem die Fähigkeit des jungen Lesers, sich selbst ein kritisches Urteil zu bilden, unterschätzt wird, und einmal in die des Pamphlets gegen eine bestimmte Bevölkerungsgruppe. Das Buch ist eine Kritik an der Menschheit und nicht an einem Teil von ihr. Es ist ein Kommentar zu einer bestimmten religiösen Haltung. Die Geschichte von Noah gehört zur jüdischen Religion nicht mehr als zur christlichen und moslemischen. Wenn dieses Buch antisemitisch ist, ist es auch antichristlich und antimoslemisch. Eine so weitreichende Interpretation des Begriffes "Antisemitismus" beunruhigt mich, da sie zu einer Aushöhlung desselben führt. Sie schafft Raum für eine viel engere und gefährlichere Form von Antisemitismus, die sich auf diese Weise unwillkürlich in unserem Sprachgebrauch festsetzt. Wer sich mit Literaturkritik und -analyse beschäftigt,
kennt das alte Problem der Intention des Künstlers. Der Maler, der
heute das Porträt eines Schwarzen mit einer übertrieben breiten
Nase und dicken Lippen anfertigt, kann die Absicht haben zu stigmatisieren
und zu erniedrigen, doch es ist auch möglich, dass er damit eine
Betrachtungsweise anklagt und uns an unser eigenes unlauteres Denken über
"den anderen" erinnert. Flutzeit ist in Belgien, den Niederlanden und Schweden
erschienen und erscheint demnächst in Großbritannien, den Vereinigten
Staaten und Australien. In keinem der Länder hat ein Rezensent oder
Redakteur/Verleger das Buch als antisemitisch empfunden. Anfang 2004 erscheint
der Roman in den Vereinigten Staaten bei dem jüdischen Verleger Arthur
Levine. In einer Antwort auf die Rezension in der FAZ schrieb er mir:
"To me your book is well within the Jewish tradition of Midrash
- spinning a story to explore events mentioned, but perhaps not fully
explicated in the bible. Seeing a biblical story from a different angle
in order to gain insight and understanding. In my imprint two people from
very different Jewish backgrounds read and appreciated your story (not
to mention the third of us, who is Christian). I am from a liberal, intellectual
branch of Judaism called Reconstructionism. One of my editors is an Orthodox
Jew - among the most traditional and direct in their interpretation of
Jewish law and tradition. She appreciated the story as much as I did!"
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